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PAPER SESSIONS
Life course

Die normative Orientierung an «der guten Familie» in Zeiten der Unsicherheit: Die Bedeutung von Familienleitbildern in der Kinder- und Jugendhilfe (session 2 of 2)

From
June 28, 2021 15:00
to
June 28, 2021 16:30
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Organizers

Dr. phil. Ammann Dula, Eveline. Berner Fachhochschule (BFH), Schweiz

Speakers

Dr. phil. Andrea Abraham und Cynthia Steiner, wissenschaftliche Assistentin, Berner Fachhochschule Soziale Arbeit (BFH), Schweiz

Dr. Margot Vogel Campanello & Prof. Dr. Susanna Niehaus, Hochschule für Soziale Arbeit Luzern, Schweiz; Wissenschaftlich Mitarbeiterinnen: Tanja Mitrovic, MA, Delia Pisoni, MA, Michèle; Röthlisberger, MA , Hochschule für Soziale Arbeit Luzern, Schweiz

Daniel Pascal Stoecklin¹; André Cardozo Sarli¹;

¹University of Geneva, Center for Children’s Rights Studies

Steven Prigent, Bordeaux University, Faculty of Anthropology and Aix-Marseille University, Asian Research Institute

Michele Poretti, Haute École Pédagogique du canton de Vaud

Die normative Orientierung an “der guten Familie” ist nicht nur in Zeiten der Unsicherheit relevant. Bisherige Studien weisen darauf hin, dass in der Schweizer Geschichte normative Vorstellungen von Familie bedeutend waren für Fremdplatzierungen und Zwangsmassnahmen von Kindern und Jugendlichen. Dies ist ersichtlich darin, dass Faktoren die Wahrscheinlichkeit erhöhten, Opfer solcher Massnahmen zu werden wie beispielsweise Mittellosigkeit/Armut, ein als unkonventionell erachteter Lebensstil der Eltern (sogenannt liederlicher Lebenswandel oder voreheliche Schwangerschaft der Mutter), Bildungsferne der Eltern oder die Verwitwung eines Elternteils (vgl. Huonker 2014; Muschetti 2016). Diese Begründungen verweisen auf die Relevanz des sozio-ökonomischen Status, sowie der Orientierung am bürgerlichen Familienideal, auf Grund dessen betroffene Kinder und Jugendliche massive Ungerechtigkeit erfuhren, beispielsweise in Form einer Fremdplatzierungen. Die Akzeptanz gegenüber einer Vielfalt möglicher Familienkonstellationen und -vorstellungen ist seit den 1980er Jahren gestiegen (Böllert 2015). Trotz dieser gesellschaftlichen (Teil-)Anerkennung der unterschiedlichen Familienformen lässt sich jedoch noch immer eine normative Hierarchisierung feststellen, die mit unterschiedlichen Vor- resp. Nachteilen für die Familienmitglieder einhergeht (Richter 2016). Das Familienleitbild der bürgerlichen Kleinfamilie entfaltet nach wie vor eine Wirkmächtigkeit auf individueller, gesellschaftlicher sowie politischer Ebene und wird als Referenzenfolie für “die gute Familie” herangezogen. Es stellt sich die Frage, inwiefern in Zeiten der Unsicherheit sich der Einfluss dieses Familienleitbildes verändert.

Die in diesem Panel vorgestellten Papers stehen alle im Zusammenhang mit Projekten des Nationalen Forschungsprogramm ”Fürsorge und Zwang“ (NFP 76) des Schweizerischen Nationalfonds. Thematisiert wird die Wirkung normativer Familienleitbilder in behördlichen Beurteilungen in der Vergangenheit und heute, für die erste und für die zweite Generation sowie methodische Herausforderungen. Dabei werden folgende Fragestellungen adressiert:

  • Wie können methodische Herausforderungen im Zusammenhang mit der Analyse der Vergangenheit aus der Gegenwartsperspektive überwunden werden? 
  • Inwiefern beeinflussen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie und (normative) Familienbilder Prozesse der Familiengründung und Mutterschaft von Frauen, deren Eltern von FSZM betroffen waren? Inwiefern zeigen sich dabei intergenerationalen Transmissionen/Transformationen?
  • Wie können Erkenntnisse der Integrations- und Migrationsforschung für die Untersuchung von Bildern der «guten» Familie und deren intersektionaler Verschränkungen genutzt werden?
  • Wie kann die in Migrationsstudien erarbeiteten Konzeptionalisierungen von Zugehörigkeit als eine rahmende Heuristik genutzt werden für Analyse biographisch-narrativer Interviews mit erwachsenen Angehörigen von FSZM Betroffenen? Inwiefern zeigt sich dabei die transgenerationale Wirkmächtigkeit oftmals staatlich evozierter Familienbrüche und deren das Risiko für sozialen Disruptionen in der nächsten Generation?
  • Welche Bedeutung haben Familienbildern und Geschlecht in der behördlichen Beurteilung von Fällen der Kindesvernachlässigung?  

Familienbrüche im Kontext fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981: Perspektiven ihrer Kinder auf das Thema der familialen Zugehörigkeit 

Dr. phil. Andrea Abraham und Cynthia Steiner, wissenschaftliche Assistentin, Berner Fachhochschule Soziale Arbeit (BFH), Schweiz

In den bestehenden empirischen Grundlagen zu den Auswirkungen der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen (FSZM) in der Schweiz zeigt sich die Wirkmächtigkeit gesellschaftlich-normierter Familienbilder in aller Deutlichkeit. In den vergangenen Jahren erarbeitete Befunde verdeutlichen, dass das Nicht-Erfüllen gesellschaftlicher (Familien-)Normen und sozioökonomische Prekaritäten zu Fremdplatzierungen von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien, Heime und Erziehungsanstalten führen konnten. 

Wenig bekannt ist hingegen zu den transgenerationalen Folgen dieser zerbrochenen Familiengefüge und den damit einhergehenden Herausforderungen hinsichtlich der eigenen Zugehörigkeit: Wie haben die betroffenen Kinder und Jugendlichen später als Erwachsene ihr eigenes Familienleben geführt? Wie reproduzierten sich diese familialen Brüche und komplexen Zugehörigkeitsfragen in den Beziehungen zwischen den betroffenen Elternteilen und ihren Kindern, und wie gingen/gehen die Kinder damit um? Dieser Beitrag geht diesen Fragen nach.

Pfaff-Czarnecka (2013) definiert Zugehörigkeit (sense of belonging) in einem interaktionistischen Sinn: Zugehörigkeit rührt davon, sich mit seinem Umfeld verbunden zu fühlen, darin partizipieren zu können, sich damit zu identifizieren und Kongruenzerfahrungen machen zu können. Für Yuval-Davis (2006) macht Zugehörigkeit die kombinierte Wirkung von Vertrautheit, Identifikation, emotionaler Bindung, Anerkennung und einem Gefühl der Sicherheit aus. In Bezugnahme darauf zeigen Fuchs et al. (2021) auf, dass Zugehörigkeit ein essentielles Kennzeichen sozialer Integration und Partizipation ist, während dem eine erodierte Zugehörigkeit im Umkehrschluss ein Risiko für beides darstellt. 

Wir versuchen, diese in Migrationsstudien erarbeiteten Konzeptionalisierungen von Zugehörigkeit als eine rahmende Heuristik für unsere sich an der Grounded Theory orientierenden Analyse biographisch-narrativer Interviews mit erwachsenen Angehörigen von FSZM Betroffenen anzuwenden. In unserem Beitrag zeigen wir, auf welche Art und Weise sich die komplexen Zugehörigkeitserfahrungen der Betroffenen in den familialen Zugehörigkeitserfahrungen ihrer Kinder manifestieren und diese nächste Generation prägen. Unser Beitrag verdeutlicht somit die transgenerationale Wirkmächtigkeit oftmals staatlich evozierter Familienbrüche, und wie damit das Risiko angelegt war, dass sich diese sozialen Disruptionen in der nächsten Generation intrafamilial reproduzieren konnten.

Keywords: Zugehörigkeit, biographisch-narrrative Interviews, Transgenerationale Weitergabe 

Fürsorgepraxis bei Kindesvernachlässigung: Familie, Erziehung und Mutterschaft in Zeiten der Unsicherheit

Dr. Margot Vogel Campanello & Prof. Dr. Susanna Niehaus, Hochschule für Soziale Arbeit Luzern, Schweiz; Wissenschaftlich Mitarbeiterinnen: Tanja Mitrovic, MA, Delia Pisoni, MA, Michèle; Röthlisberger, MA , Hochschule für Soziale Arbeit Luzern, Schweiz

Gegenwärtige Krisen wie etwa die Klimakrise, die Flüchtlingskrise oder die Corona-Pandemie bestimmen aktuelle Diskurse und haben notgedrungen Implikationen auf Familien, Geschlechterverhältnisse sowie auf das Aufwachsen von Kindern. Es ist davon auszugehen, dass insbesondere vulnerable Personen stärker von Krisen betroffen sind, und soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsbedingungen und soziale Ungleichheit zunehmen. Sichtbar werden Tendenzen einer Re-Traditionalisierung der Geschlechterbeziehungen, aber auch eine Reproduktion ungleicher Bildungschancen. Vor diesem Hintergrund ist danach zu fragen, welche normativen Vorstellungen wirken, wenn Familien in Zeiten der Unsicherheit in Krisen geraten und mit Behörden in Kontakt treten. 

In unserem Beitrag möchten wir insbesondere der Frage nachgehen, welche Bedeutung Geschlecht und Familienbildern in der behördlichen Beurteilung von Fällen der Kindesvernachlässigung zukommt. Dabei möchten wir die Perspektive involvierter Mütter in den Fokus stellen sowie nach dem Zusammenhang mit deren sozial-struktureller Situation fragen. 

Der Beitrag ist eingebettet in unser Forschungsprojekt „Fürsorgepraxis bei Kindesvernachlässigung. Diskurse zu Familie, Erziehung und Mutterschaft“ des NFP 76, in welchem wir die Wirkmächtigkeit normativer Bilder von Familie, Erziehung und Mutterschaft auf die Fürsorgepraxis, insbesondere die Entscheidungsfindungsprozesse in Fällen von Kindesvernachlässigung, untersuchen. In unserem Projekt gehen wir der Frage nach, wie sich politische und mediale Diskurse sowie Expertendiskurse gestalten und inwiefern sich diese auf Entscheidungsprozesse auswirken, bzw. inwiefern Verantwortlichkeiten anhand von Geschlechterkategorien systematisiert werden und dadurch eine Kontinuität sozialdisziplinierender Mechanismen nachgezeichnet werden kann – analog zu historischen Zeiten, in welchen primär arme Familien und (ledige) Mütter bzw. Familien, die nicht bestimmten Normvorstellungen entsprachen, von Interventionen betroffen waren. Es zeigt sich dabei, dass Kindesvernachlässigung – historisch unter dem Stichwort «Verwahrlosung» – und die Bewertungen dessen, was als Vernachlässigung/Verwahrlosung gilt, abhängig von zeitgenössischen Diskursen und wissenschaftlichen Positionen sind. Historische Erkenntnisse, dass Interventionen an Bildern «guter Mutterschaft» und/ oder der «guten Familie» orientiert waren, spiegeln sich auch in einer aktuellen Untersuchung zu Familien wider, die aufgrund des Verdachts auf Kindesvernachlässigung mit Behörden in Kontakt standen: Alle befragten Familien leben unter prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen. Während die ökonomische Situation der Familien und der (ledigen) Mütter jedoch marginalisiert wird, ist mangelnde Erziehung seitens der Behörde ein wichtiges Kriterium, den staatlichen Eingriff zu legitimieren (Vogel Campanello 2018; 2019). Angesichts dessen ist es ein zentrales Ziel unseres Projekts, die Wirkungsweisen der Fürsorgepraxis zu analysieren, um mögliche Ursachen für integritätsverletzende und -schützende Fürsorgepraxen zu identifizieren.

Keywords: Familienbilder, Geschlecht, Diskursanalyse, Kindesvernachlässigung